Hocharabisch und Dialekte: warum das für Ihre Übersetzung zählt
Arabisch ist keine einzelne Sprache, sondern eine Schriftsprache mit einem Dach aus Dialekten, die sich teils stärker unterscheiden als Deutsch und Niederländisch. Wer einen Dolmetscher für Arabisch bucht oder eine Übersetzung beauftragt, sollte wissen, was das bedeutet. Dieser Artikel erklärt den Unterschied zwischen Hocharabisch und den großen Dialektgruppen, warum er bei Einvernahmen und im Krankenhaus wichtig ist, was bei Urkunden und Namen zu beachten ist und welche Fragen Sie vor der Buchung stellen sollten.
In diesem Artikel
- •Hocharabisch: die Sprache der Schrift
- •Die großen Dialektgruppen im Überblick
- •Warum der Dialekt bei Einvernahmen und im Krankenhaus zählt
- •Urkunden: Hocharabisch mit nationalen Eigenheiten
- •Namen in lateinischer Schrift
- •Was Sie vor der Buchung fragen sollten
Hocharabisch: die Sprache der Schrift
Modernes Hocharabisch, auf Arabisch Fusha, ist die gemeinsame Schriftsprache aller arabischen Länder. Zeitungen, Gesetze, Urkunden, Nachrichtensendungen, Verträge und Schulbücher sind darin verfasst. Es wird in der Schule gelernt, nicht zu Hause. Niemand wächst mit Hocharabisch als Muttersprache auf, und im Alltag spricht es fast niemand. Wer Hocharabisch studiert hat, kann deshalb einen Vertrag lesen, aber nicht automatisch ein Gespräch mit einer Familie aus Aleppo oder Bagdad führen.
Für Übersetzungen ist Hocharabisch die Norm. Für das Dolmetschen ist es die Ausnahme: Es kommt bei Reden, Konferenzen, offiziellen Verhandlungen und mit Gesprächspartnern aus unterschiedlichen Ländern zum Einsatz, die sich auf die gemeinsame Hochsprache einigen. Im Gespräch mit einer Patientin, einem Asylwerber oder einem Elternteil beim Jugendamt spricht das Gegenüber Dialekt, und der Dolmetscher muss ihn verstehen und in ihm antworten können.
Die großen Dialektgruppen im Überblick
Die Dialekte unterscheiden sich in Aussprache, Wortschatz, Grammatik und in ganz alltäglichen Wörtern wie „jetzt“, „was“, „wie“ oder „viel“. Ein Sprecher aus Marokko und ein Sprecher aus dem Irak verstehen sich in ihren Dialekten oft nur mit Mühe und weichen dann auf Hocharabisch oder ägyptische Formen aus, die durch Filme und Fernsehen weithin bekannt sind. Grob lassen sich diese Gruppen unterscheiden:
- Levantinisch: Syrien, Libanon, Jordanien, Palästina. In Österreich die häufigste Gruppe, mit deutlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land, etwa zwischen Damaskus, Aleppo und den ländlichen Regionen.
- Ägyptisch: durch Film und Musik in der ganzen arabischen Welt verständlich, mit eigener Aussprache, etwa dem harten G statt Dsch.
- Irakisch: mesopotamische Dialekte mit eigenem Wortschatz und Einflüssen aus dem Persischen und Türkischen, dazu regionale Unterschiede zwischen Bagdad, Mossul und dem Süden.
- Golfarabisch: Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Oman, mit weiteren regionalen Formen im Jemen.
- Maghrebinisch: Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, mit starkem Einfluss aus dem Französischen und dem Berberischen, für Sprecher aus dem Osten am schwersten verständlich.
- Sudanesisch: eigenständig, mit Nähe zu ägyptischen und Golfformen und eigenem Wortschatz.
Warum der Dialekt bei Einvernahmen und im Krankenhaus zählt
Bei einer Einvernahme, ob im Asylverfahren, bei der Polizei oder vor Gericht, hängt viel an einzelnen Wörtern: Wer hat wen bedroht, wann, mit welchen Worten. Ein Dolmetscher, der den Dialekt nur ungefähr versteht, füllt Lücken unbewusst mit Annahmen, und diese Annahmen landen im Protokoll. Später gelten sie als Widersprüche. Umgekehrt merkt die befragte Person häufig nicht, dass ihr Wort anders angekommen ist, weil sie die deutsche Seite nicht kontrollieren kann.
Im Krankenhaus ist es ähnlich, nur schneller. Schmerz wird in jedem Dialekt anders beschrieben, Körperteile heißen anders, und ältere Patientinnen und Patienten kennen die hocharabischen Begriffe oft gar nicht. Ein syrischer Bauer aus Idlib und ein Ingenieur aus Dubai beschreiben dieselben Beschwerden mit verschiedenen Wörtern. Kinder sprechen ohnehin nur Dialekt. Wer hier nachfragen muss, verliert Zeit, und wer nicht nachfragt, verliert Genauigkeit.
Ich bin Aliaa Azzouqa, arabische Muttersprachlerin mit Hocharabisch und levantinischem Dialekt als Basis, und arbeite seit Jahren mit Sprecherinnen und Sprechern aus allen arabischen Ländern, unter anderem für die Landespolizeidirektion Wien, die Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Wien, das Jugendamt Graz und das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Graz. Dialektarbeit ist für mich Alltag, nicht Ausnahme.
Urkunden: Hocharabisch mit nationalen Eigenheiten
Schriftliche Dokumente sind fast immer in Hocharabisch verfasst. Trotzdem sieht eine syrische Geburtsurkunde anders aus als eine ägyptische oder eine irakische. Die Behörden heißen anders, die Formulare sind anders aufgebaut, und dieselbe Sache trägt in jedem Land einen anderen Namen. Was in Österreich die Ledigkeitsbescheinigung ist, heißt in Syrien, Jordanien und Ägypten jeweils anders und wird von unterschiedlichen Stellen ausgestellt. Der irakische Staatsangehörigkeitsnachweis hat kein direktes Gegenstück in anderen Ländern.
Eine gute Übersetzung übersetzt deshalb nicht nur Wörter, sondern ordnet die Urkunde ein: Sie benennt die ausstellende Behörde korrekt, gibt Datumsangaben nach beiden Kalendern wieder, wenn die Urkunde beide nennt, und erklärt in Anmerkungen, was ein Begriff im Herkunftsland bedeutet, ohne ihn in ein österreichisches Konzept umzudeuten. Beglaubigte Übersetzungen werden bei uns von allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Übersetzerinnen und Übersetzern angefertigt, die diese Unterschiede kennen.
Namen in lateinischer Schrift
Der häufigste Streitpunkt bei Urkundenübersetzungen ist die Schreibweise der Namen. Arabische Namen lassen sich auf mehrere Arten in lateinische Buchstaben übertragen: Muhammad, Mohamed, Mohammad, Mohammed. Alle sind richtig, und alle sind für eine Behörde verschiedene Personen, wenn sie in verschiedenen Dokumenten auftauchen. Jedes Land hat zudem eigene Gewohnheiten: In Ägypten schreibt man nach französischem und englischem Vorbild, im Maghreb französisch, in den Golfstaaten englisch.
Die Regel in der Praxis: Maßgeblich ist die Schreibweise im Reisepass. Alle übersetzten Urkunden sollten ihr folgen, auch wenn die Übersetzerin einen Namen anders umschreiben würde. Schicken Sie deshalb mit jedem Auftrag die Passkopie oder zumindest die genaue Schreibweise aller vorkommenden Namen mit, auch die der Eltern und Ehepartner. Wo kein Pass existiert, etwa bei Kindern, orientieren wir uns an bereits vorhandenen österreichischen Dokumenten und vermerken die Grundlage in der Übersetzung.
- Passkopie oder genaue Namensschreibweise mitschicken, für alle Personen in der Urkunde
- Bei mehreren Pässen oder früheren Schreibweisen: darauf hinweisen, welche die Behörde bereits verwendet
- Ortsnamen: übliche deutsche Form, wo es sie gibt, sonst eine konsistente Umschrift
Was Sie vor der Buchung fragen sollten
Wer einen Arabisch-Dolmetscher bucht, sollte einige Fragen stellen, bevor der Termin steht. Sie kosten eine Minute und ersparen ein Gespräch, in dem sich zwei Menschen mühsam auf Hocharabisch verständigen, das keiner von beiden im Alltag spricht.
- Aus welchem Land und welcher Region stammt die Person, für die gedolmetscht wird, und welchen Dialekt spricht sie?
- Welchen Dialekt spricht die Dolmetscherin selbst, und welche Erfahrung hat sie mit dem betreffenden Dialekt?
- Worum geht es inhaltlich: Medizin, Recht, Jugendhilfe, Technik? Fachwortschatz ist in jeder Sprache eine eigene Frage.
- Wird eine Frau oder ein Mann als Dolmetscherin bevorzugt, etwa bei medizinischen oder familiären Themen?
- Vor Ort oder per Video? Bei schwierigen Dialekten und schlechter Tonqualität ist Präsenz oft die bessere Wahl.
- Gibt es Dokumente, die vorab gelesen werden sollten, etwa Befunde, einen Bescheid oder das letzte Protokoll?
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